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Engelstaub
Daniela Brotsack

Es war einmal eine Schachtel mit ausgestanzten Goldengeln, die unter vielen anderen Schachteln und Tüten mit Weihnachtsdeko in einem Kaufhaus eines wohlmeinenden Kunden harrte.

Es war schon bald der zweite Advent und die Schachtel mit den hübschen, fliegenden Engeln lag noch immer im Regal. Eines Tages kam eine alte Frau, die noch nach ein paar Kleinigkeiten für ihre heimische Advents-Dekoration suchte und sie mit nach Hause nahm.

In der kleinen Single-Wohnung wurden die Engel in die Vitrine zwischen Porzellan- und Holz-Figuren gestreut. Einige landeten auf einem weichen Tuch, das wiederum die Beine eines Kerzenleuchters und einer Schale umspielte.

In dieser Nacht geschah es, dass eine Sternschnuppe über den winterlich kalten Himmel raste und einem dieser kleinen Engelchen Leben einhauchte. Dieser sollte die Aufgabe haben, unerkannt dem Lebensende dieser einsamen Frau eine neue – gute – Wendung zu geben.

Diese himmlische Anweisung war gar nicht so einfach auszuführen. Der kleine Engel überlegte und überlegte. Er sah sich die Wohnung an. Ein winziges Schlafzimmer, ein etwas größerer Wohnraum und eine Mini-Küche sowie ein kleines Bad gehörten dazu.

Unser kleiner Engel hatte nur eine Hilfe von oben mitbekommen: Engelstaub. Wenn ein Mensch damit in Kontakt gerät, so steigt ohne erfindlichen Grund seine Stimmung und er fühlt sich einfach gut und sehr lebendig.

Engelstaub ist jedoch so fein, dass ihn kein Mensch je zu Gesicht bekam. Daher sind viele Leute oft so verwundert über sich selbst, wenn sie plötzlich eine Stimmungsschwankung von „zu Tode betrübt“ zu „himmelhoch jauchzend“ erleben. Sie wissen nicht, dass dies immer mit den Engeln in unserem Leben zu tun hat. Es gibt sogar einige Engel, die unerkannt als Menschen mitten unter uns leben. Von ihnen geht eine Ruhe und Sanftmut aus, die alle in ihrem Umkreis zu besseren und zufriedenen Wesen macht.

Unser Engelchen, wir nennen es der Einfachheit halber einfach Tibir Greine (was soviel wie „Sonnenquell“ heißt), streute in der ersten Nacht ganz fleißig Engelstaub auf die Zahnbürste, in die Gesichtscreme und aufs Sofa.

Schon am nächsten Morgen zeigten sich erste Zeichen von Besserung bei der alten Frau, die sonst oft an der Schönheit des Lebens zweifelte. „Was habe ich denn mit meinen über 70 Jahren noch vom Leben zu erwarten?“ sagte sie oft zu ihrer Tochter. Etwas zu oft, denn die Tochter kam nicht mehr so häufig zu ihrer Mutter, die mit dem Leben abgeschlossen zu haben schien.

Auch die anderen Kinder und Enkel besuchten sie weit weniger als früher. Für sie war die früher vor Lebenslust sprühende Frau nur noch ein ausgebranntes Wrack, das nur noch auf dem Wasser dümpelte, weil der Selbsterhaltungstrieb noch nicht ganz erloschen war.

Doch an diesem Tag war sie nach dem Zähneputzen wie verwandelt. Voller Elan schlüpfte die alte Dame Leonie in ihre feschen Sonntagskleider, schminkte sich seit langem das erste Mal und machte einen ausgiebigen Spaziergang im Park. Bei ihrer Runde kam sie an einem entzückenden Weihnachtsmarkt vorbei, in dem sie gleich ein paar Geschenke für die Familie kaufte.

Und sie dachte zu sich selbst „sonst sind die Leute immer so muffig, doch heute strahlt ein jeder, den ich treffe“ und konnte es sich nicht erklären. Doch es lag alles nur an ihrem eigenen Strahlen, so von innen heraus. Alle Menschen sahen in ihr eine gutaussehende und zufriedene alte Frau und freuten sich mit ihr.

Leonie ging wieder nach Hause, packte die eben gekauften Dinge mit viel Liebe ein und versah sie noch mit Anhängern und den jeweiligen Namen des zu Beschenkenden. Nebenbei gab die Stereoanlage in der Ecke ihre Lieblingslieder aus glücklicheren Jahren zu Besten. Sie versank dabei nicht wie sonst in Traurigkeit, sondern freute sich an den überwältigend schönen Erinnerungen.

In dieser Stimmung ging Leonie später auch noch ans Telefon und rief ihre älteste Enkelin an, mit der sie immer ein besonders inniges Verhältnis gehabt hatte. Diese erklärte sich sofort einverstanden, die Großfamilie am Weihnachtsabend einzuladen. Leonie wollte kochen. „Die Aussicht auf Deine Kochkünste wird alle ohne Ausnahme an meinen großen Tisch locken, Omi.“ Denn die Großmutter war als phantastische Köchin bekannt.

Als Leonie einige Tage später – immer noch in bester Stimmung – vom Einkaufen nach Hause kam, schaffte es Tibir Greine nicht mehr an ihren angestammten Platz zurück und blieb am Boden des Schlafzimmers liegen.

Nun packte aber Leonie die Putzwut. Sie fegte wie ein Wirbelsturm mit dem Staubsauger durch die Wohnung. Dabei saugte sie mit einem feinen Klirren auch den Engel mit ein. Dieser saß nun inmitten des ganzen Staubs und Drecks im Beutel des Elektrogeräts und musste ständig niesen.

Das himmlische Wesen hatte allerdings Glück im Unglück – und mit ihr Leonie. Der Beutel war nämlich zwei Tage später voll und musste ausgewechselt werden. Als er achtlos im Abfall versank, konnte sich das Engelchen aus dem Loch befreien und fand auch den Weg aus dem Küchenschrank. „Ist das ein mühseliges Dasein manchmal“ schimpfte es gutmütig.

So kam der Weihnachtstag heran. Eine völlig verwandelte Leonie stand vor dem Spiegel und begutachtete sich kritisch. Sie war zufrieden mit sich und ihrer Erscheinung.

Die Enkelin war erstaunt. „Omi, so toll hast Du schon seit 15 Jahren nicht mehr ausgesehen. Es freut mich, dass es Dir anscheinend so gut geht.“ Natürlich war Leonie trotz ihrer Wandlung etwas schrullig – aber welcher Mensch hat keine Macken.

Und nach dem sagenhaften Menu saß die ganze Familie bei Punsch und Plätzchen unter dem Weihnachtsbaum und Leonie las Geschichten für Groß und Klein vor. Und jeder, der das Buch berührte, verspürte von einer Sekunde auf die andere ein nie gekanntes Wohlempfinden.

Leonie wurde in der darauf folgenden Zeit wieder öfter von den Mitgliedern ihrer Familie eingeladen oder besucht. Sie war wieder zu einem Menschen geworden, der Liebe, Gelassenheit, Lebensfreude und ein bisschen Selbstironie verstrahlte. Und dies alles bekam sie übermäßig zurück von allen Seiten.

Sie war glücklich und lebte noch lange an der Seite eines Engelchens, von dem sie nie erfuhr, dass es dieses gab. Tibir Greine wurde auch nie wieder in die Schachtel mit der Weihnachtsdeko verpackt. Sie lebte fortan in der Ecke hinter der Stereoanlage und streute beim ersten Anzeichen von Verzweiflung oder Not ihren Engelstaub in der Wohnung.

Bei Interesse an einer kommerziellen Veröffentlichung dieser Geschichte wenden Sie sich bitte direkt an die Autorin: mit-dem-mut-einer-loewin.de.

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