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Lebkuchenbild.. und warst du auch brav dieses jahr?
Roger Wiezel

als ich noch klein war gingen wir am 6. dezember immer zu meiner grossmutter, welche in einem kleinen dorf nahe des waldrandes lebte. den ganzen tag über erzählten omi und die ebenfalls anwesende verwandtschaft von allerlei düsteren st. nikolausgeschichten.

nicht ein, zwei oder etwa drei schmutzlis (ruprechts) würden da mit dem st. nikolaus kommen, sondern ganz, ganz viele. ich wollte dies nicht recht glauben und doch hatte ich mehr angst, je dunkler es draussen wurde.

irgendwann hörte ich dann die glocken des st. nikolaus. ängstlich schielte ich aus dem fenster um zu sehen, ob denn jetzt wirklich so viel schmutzlis dabei waren. mit weit aufgerissenen augen versuchte ich diese zu zählen, während es bereits laut an der tür klopfte und der st. nikolaus einlass begehrte.

ich drückte mich in die hinterste ecke des zimmers und harrte der dinge die jetzt geschehen würden. während der rote mann mit seinem langen, wallenden bart sich in der mitte auf einem stuhl bequem machte, drängten sich immer mehr dieser gefürchigen, schwarzen mannen in grossmutters stube. Endlich war auch der letzte der 12 schmutzlis im wohnzimmer und stimmte in das unverständliche, tiefe gebrumme der anderen schmutzlis ein.

ich versuchte so nett wie möglich dreinzuschauen, im kopf die stimme von onkel w. "wenn du nicht artig bist und dein gedicht ohne zu stocken aufsagen kannst, packen dich die schmutzlis in ihren grossen, dunklen sack, nehmen dich mit und werfen dich später in den eiskalten dorfbrunnen".

geschlagene 20 minuten rezitierte der grosse, ehrfürchtige mann aus seinem goldenen buch, dann durfte ich mein gedichtlein aufsagen. natürlich klappte es nicht auf anhieb, die schmutzlis schauten böse und machten schon erste andeutungen mich jetzt dann in den sack zu packen.

schlussendlich ging aber doch wieder alles gut aus und ich sass überglücklich inmitten meiner lebkuchen, nüssen und schokoherzen, während grossmutter über die vielen zurückgelassenen barthaare wetterte.

ein paar jahre später, omas haus das gab's nicht mehr, und der nikolaus besuchte mich nun in der stadt. eigentlich fand ich dies sehr schade, war aber auch froh, denn hier in der stadt kamen 100 pro keine 12 schmutzlis mit dem nikolaus und so erschien mir das ganze weitaus weniger gefährlich.

ich wartete und wartete, spähte zum fenster hinaus, sah eine rote kutte schnell ins nachbarhaus verschwinden, hörte von weitem ein glöcklein bimmeln, doch "mein" nikolaus lies einfach auf sich warten.

irgendwann hielt ein auto mit einem anhänger 15 meter vor unserem haus. ein nikolaus und ein einziger schmutzli stiegen aus. der nikolaus zupfte sich den verrutschen bart zurecht während sein schwarzer helfer sich am anhänger zu schaffen machte.
wieso kommt mein nikolaus mit dem auto und was hat der da im anhänger?? nach ein paar lauten, bösen worten des schmutzlis im innern des anhängers kam widerwillig ein esel raus.
es schien niemand bemerkt zu haben was ich da alles gesehen hatte und so verhielt ich mich vorerst ruhig und stellte keine fragen.

nachdem alles ausgestanden, der sack auf mutters geliebten wollberber ausgeschüttet und auch genug barthaare in der wohnung verteilt waren, bat mich der nikolaus doch noch kurz mit ihm vor das haus zukommen denn er hätte da noch eine überraschung für mich mitgebracht.
Vor dem haus wartete der schmutzli samt esel und ich durfte dem noch immer schlecht gelaunten esel eine mohrrübe geben.

nun nahm ich meinen ganzen mut zusammen und fragte den nikolaus ob der esel denn nicht müde vom vielen laufen sei und wo dieser denn schlafen würde.
der nikolaus erzählte mir dann eine abenteuerliche geschichte, während ich immer wieder auf den anhänger starrte, was auch vom nikolaus nicht unbemerkt blieb...

von diesem moment an war der mythos st. nikolaus für mich entzaubert und der grosse rote mann mit dem weissen bart ist seit diesem erlebnis auch nie mehr zu mir gekommen.

vor ein paar jahren fragte mich ein guter freund ob ich wohl für seine kids den st. nikolaus spielen würde. zuerst lehnte ich ab, lies mich dann aber doch darauf ein.

kindheitserinnerungen wurden hervorgekramt und ich versuchte mich anhand dieser ein wenig vorzubereiten. ich wollte ein lieber, guter nikolaus sein, bastelte mir ein schönes goldenes buch und übte etwas vor dem spiegel.

die stunde rückte näher, ich war mindestens so nervös wie damals als ich selbst auf den nikolaus wartete. ich schwitzte unter der roten kutte, hatte ständig diese eckligen kunststoffbarthaare im mund und fand das ganze eigentlich ziemlich bescheuert.

als ich dann aber vor den sieben kindern stand, diese mich mit grossen augen anschauten, etwas ängstlich und doch so entzückt, war es einfach nur schön und ich war so etwas von gerührt, dass ich fast meinen job vergessen hätte.

sie sangen mir liedchen vor, fiepsten die gedichte aus der ecke und ein kleines mädchen hatte mir sogar eine zeichnung gemalt.
endlich konnte ich meinen sack auf dem edlen orrientteppich ausleeren (ich hatte vorher natürlich noch ein paar spanische nüsse zedrückt , damit es auch schön krümmelt auf dem teppich ; ) und mich wieder auf den weg machen. durch das fenster winkten mir die kinder nach und ich machte mich auf den weg zurück in den wald.

das ganze stimmte mich dann doch recht melancholisch und so tauschte ich kutte und wald gegen eine bar und lies mich handfest volllaufen.

2003

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