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Festliche Ambiancen
Als Designer gibt Johann Wanner alle Jahre wieder den Trend der Weihnachts- |
Wanners Wunderwelt Der Basler Johann Wanner ist der weltgrößte Hersteller von handgefertigtem Weihnachtsschmuck. Zu seinen Kunden gehören die Windsors und das Weiße Haus. Petra Kistler - Badische Zeitung - 3. Dezember 2002
"Ein Weihnachtsbaum ist etwas sehr Persönliches." Johann Wanner Alle Jahre wieder pilgern Weihnachtssüchtige nach Basel, wandern vom Rathausplatz hoch zum Spalenberg, wo sich in der schmalbrüstigen Nummer 14 "Wanners Weihnachtshaus" verbirgt. Die Keimzelle des Firmenimperiums wirkt recht bescheiden. Doch öffnet sich die Ladentür - im Dezember nimmt ein livrierter Portier Mäntel und Taschen ab - , dann wähnt sich der Besucher in Ali Babas Zauberhöhle. Draußen ist es nass und kalt, drinnen glitzert und glänzt es von Wand zu Wand. Überall stapeln sich kleine weiße Schachteln, voll mit Christbaumkugeln, Zapfen, Herzen, Monden und Sternen. Die Schalen und Etageren sind übervoll mit Girlanden, Schleifen, Seidenbändern und Engeln in den aberwitzigsten Formen und Farben. Hier Kugeln im Stars & Stripes-Dekor, dort Orchester mit winzigen Geigen. Es gibt Menagerien von Fabelwesen, ganze Schalen voll winziger Erdbeeren aus mundgeblasenem Glas, in einer Abteilung sind Muscheln, Seepferde, Seesterne und die schillerndsten Fische zu finden, nebenan sitzen Engel auf zuckrigen Wolken, bewacht von kunterbunten Vögeln mit Seidenschwänzen. Fast hundert verschiedene Arten hat Wanner im Sortiment. In jedem Stübchen gibt es noch mehr zu entdecken. Am immergrünen Tannenbaum hängen daumengroße Eulen und Enten, Pantöffelchen und Paillettenkissen, da guckt ein vorwitziges Krokodil, dort eine kleine Ballerina und ein "Negerli-Engel" hervor. Die irdischen Heerscharen können sich zum Fest Engelsflügel umhängen - die gibt es auch in Rosarot, Himmelblau und sündigem Schwarz. Kugeln in 980 Farben hat Johann Wanner im Sortiment. Die Formen kann keiner mehr zählen. Nur Krippenfiguren sind in seiner Weihnachtswelt nicht zu finden. Das Christkind will der "gottgläubige Christ" nicht als Dekorationsartikel benutzen. Kitsch, grandios und gnadenlos. Wer dem Patron dies sagt, ist willkommen. Schief, kitschig, bunt, so liebt Johann Wanner diese Welt. "Wenn jemand schmunzelt, ist's in Ordung." Für Wanner ist Kitsch kein Schimpfwort. Wenn einer gern Geige spielt, soll er sich Geigen an den Christbaum hängen, mag jemand Würstchen, hängen halt die am Baum. "Guten Dag, wie geht's?" Johann Wanner sitzt wenige Häuser weiter im Weihnachtscafé, seiner zweiten Dependance, und nippt am Espresso. Was ist das für ein Mensch, der so außergewöhnliche Bäume schmückt? Kein Rauschebart, keine Zipfelmütze, nicht mal ein Hauch von Goldstaub oder ein winziges Engelshaar hat "Mr. Weihnacht" am Revers. Johann Wanner trägt edles Tuch, rahmengenähte englische Schuhe ("die 90 Paar sind mein Stolz"), schwärmt vom Handwerk und gibt sich als ein freundlicher Herr ohne Allüren. Einer, der jedem Gast - er sagt Gast, nicht Kunde - das Gefühl gibt, dieser verrückte Wanner habe diese Weihnachtswelt allein für ihn zusammengestellt. Natürlich hat sich längst herumgesprochen, dass er den fürstlichen Grimaldis in Monaco die Weihnachtskugeln liefert und den großen Weihnachtsbaum im Weißen Haus gestaltet. Zu seinen Stammkunden gehören die Windsors und die von Hohenzollern, Jean Tinguely kaufte bei ihm ein, Michael Jackson liebt den Glitter und Tand aus Basel. Wer in Beverly Hills oder Palm Springs dazugehören will, schmückt den Baum mit "Wanner-Ornaments". Woher wir das wissen? Alles Indiskretionen, die der distinguierte Geschäftsmann sehr bedauert. Ebenso wie die Geschichte über den "hochberühmten Mann", der jedes Jahr seiner Geliebten einen "Liebesbaum voller Liebessymbole" schenkt. Oder die Milliardärin, die sich Weihnachten für Weihnachten einen Baum passend zu ihrem Abendkleid gestalten lässt. Indiskretionen. Vielleicht sind's auch Märchen, die von Erzählung zu Erzählung noch prächtiger ausgeschmückt werden, so dass sie am Ende wie Wanners Christbäume glitzern und leuchten. Denn der Baum-Couturier würde niemals preisgeben, unter welchen Kugeln die Großfamilien des Hochadels oder die Showstars Weihnachten feiern: "Ein Weihnachtsbaum ist etwas sehr Persönliches. Das geht keinen Fremden etwas an." Nur was ohnehin überall bewundert werden kann, wird an die große Glocke gehängt: Wenn es in einer Fernsehshow weihnachtet, wird fast immer ein Wanner-Baum ins rechte Licht gerückt. Sein Schmuck hängt in englischen Stadtpalästen und französischen Nobelhotels, in diplomatischen Vertretungen und im Vatikan: Für den Heiligen Vater, erzählt Wanner, schmückte er vor zwei Jahren den größten Baum: 25 Meter hoch, 753 Kugeln, die größte hatte einen Durchmesser von 60 Zentimetern. Und den schönsten? Wanner gibt sich diplomatisch: "Das ist wie bei den eigenen Kindern. Jedes ist schön." In der vorigen Woche schmückte Wanner vorm Somerset House in London eine zwölf Meter hohe Tanne mit silbernen und roten Weihnachtskugeln - das Ganze wurde live von der BBC übertragen. Als Wanner in die Weihnachtsbranche einstieg, war der skandinavische Stil en vogue: Bienenwachskerzen, Transparentkugeln, Strohsterne, rote Äpfelchen. Den handgemachten Weihnachtsschmuck aus seiner Kindheit gab es nicht mehr. Bis ein Bankdirektor, der aus dem thüringischen Lauscha stammte, mit einem Karton voll altem Glasschmuck im Antiquitätenladen der Wanners auftauchte. Die Kugeln waren sofort weg, und in Johann Wanner war die Leidenschaft entfacht. Er fuhr in den Böhmerwald und machte sich auf die Suche nach Glasbläsern, die das Handwerk noch beherrschten. Die Gußformen für die Nikoläuse, Engel, Pfauen und Tannenzapfen schienen überlebt zu haben und staubten in Kellern und Dachböden vor sich hin. Der Schweizer kaufte sie auf, gab eine halbe Million Kugeln in Auftrag und verhalf der am Boden liegenden Branche zu einer Renaissance. Damit der mundgeblasene Schmuck überhaupt aus der DDR ausgeführt werden durfte, wurde er als Kulturgut deklariert. Nach der Wende konnte Wanner sogar einen richtigen Schatz heben: Die russische Handelsgesellschaft, über die die Geschäfte mit der DDR abgewickelt worden waren, wollte ihr Archiv mit den schönsten Weihnachtskugeln aus fast 50 Jahren wegwerfen. Für einen Schleuderpreis kaufte Wanner alles auf, orderte zwei Güterwagen und schickte die Schätze ans Rheinknie. Die Zeiten, in denen Jahr für Jahr der Weihnachtsschmuck vorsichtig ausgepackt und über Generationen vererbt wurde, sind vorbei. Auch für Bäume gibt es Moden. Und längst wird nicht mehr nur der Baum geschmückt, sondern die ganze Wohnung, die Fenster, die Schrankwand, sogar der Garten. Gespart wird nicht. Die Preise für einen fürstlich aufgeputzten Baum können schnell die Höhe von vier-, fünftausend Franken erreichen. Wer sich mit Solitären und limitierten Editionen ausstattet, kann für einen einzigen extravaganten Baum auch gut und gern den Preis eines Mittelklassewagens ausgeben. Dennoch: Eines gilt bei Wanner als goldene Regel: "Es muss immer möglich sein, dass bei mir auch ein Kind sich etwas von seinem Taschengeld kaufen kann." Johann Wanner mag ein knallharter Unternehmer sein. Aber er ist auch ein Romantiker, der vom Weihnachtsfest seiner Kindheit schwärmt und behauptet, er könne sich jederzeit in Weihnachtsstimmung versetzen. "Heiligabend bin ich als Erwachsener genauso begeistert wie ich es als Bub war. Ich habe auch noch den Schmuck, den ich im Kindergarten gebastelt habe: eine Schnecke." Das Jüngste von sechs Kindern aus einem streng katholischen Basler Elternhaus ist er. Mit 23 Jahren kratzte er all sein Erspartes zusammen und tourte in der 2-CV-Ente zwei Jahre lang durch den Orient, lebte bei den Beduinen. Weihnachtsbräuchen war er schon damals verfallen. Im Schatten der Königsgräber von Abu Simbel bastelte er sich ein Weihnachtsbäumchen. Zurück in Basel lernte er Kaufmann, studierte Kunst, handelte mit Antiquitäten, bis er 1965 den Reizen des Christbaumschmucks verfiel. 1200 Geschäfte führen heute die filigranen Anhängsel aus seiner Werkstatt - von New York über Moskau bis Tokio. Selbst Ölscheichs, dem Koran eigentlich näher als dem Kult um den Baum, ordern bei ihm. "Ein Baum, der seine Nadeln nicht verliert, ist etwas Mystisches", erklärt Wanner den Kult. "Zum frommen religiösen Symbol taugt er nicht. Ob es uns passt oder nicht, es stecken mehr heidnische Mysterien als Nadeln in ihm: Dämonenglauben, Abwehrzauber, Opferrituale, Fruchtbarkeitsmythen." Johann Wanner ist ein begnadeter Erzähler. Nur wenn es ums Geschäft geht, wird er schmallippig. Der Weihnachtsschmuck hat ihn reich gemacht. Aber sind es nun 20 Millionen Franken Umsatz? Oder 30 Millionen? Das ist seine Privatsache! Wie viele Artikel führt er? "Was Sie bei mir nicht finden, werden Sie wohl nirgends finden. Aber ich zähle nicht. " Für Zahlen hat er seine Leute. Die stöhnen ab und zu, wenn der Alte mit seinen verrückten Ideen kommt - und müssen ihm am Ende dann doch Recht geben. Der "sich selbst beschneiende Tannenbaum" - ein Ventilator lässt die weißen Plastikflocken wirbeln - war eine dieser verrückten Ideen. "Containerweise habe ich den Baum importiert." Dass Wanners Kreationen kopiert werden, stört ihn nicht. "Ich mache lieber etwas Neues." "Im Baum stecken mehr heidnische Mysterien als Nadeln." Johann Wanner Und dies zu allen Jahreszeiten. Sicher, im Sommer schwingt sich der Weihnächtler aufs Rennrad oder schwimmt im Rhein. Am liebsten aber wirkelt und werkelt er in seinem Weihnachtshaus, berät die Frankfurter Messe und gibt - pünktlich zum Frühjahr - einen Trendbrief in Sachen Baum heraus. Weihnachten ist für Wanner mehr als ein Festtag. Deshalb stehen in seinen Wohnungen über den Dächern der Basler Altstadt das ganze Jahr über Christbäume. Sein Geheimnis? "Ich mache nur das, was ich will. Und ich stehe hinter dem, was ich mache", sagt Johann Wanner. "Ich habe immer noch eine Freude daran." Ein Weihnachtsmann eben. Johann Wanner Weihnachtsstube, Schneidergasse 7, Basel, Telefon: 061 / 261 50 00 |
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